Deutschland hat ein Leistungsproblem und ein Gerechtigkeitsproblem. Ein Leistungsproblem vor allem deshalb, weil es in unserem
Schulsystem nicht gelingt, eine ausreichend breite Leistungsspitze zu erreichen. Das Gerechtigkeitsproblem besteht darin, dass ein viel zu großer Prozentsatz eines Jahrganges - in Baden-Württemberg sind es bei der
Lesekompetenz immerhin 19 % - nicht ausreichend gefördert werden kann, jeder fünfte Jugendliche muss also zur sogenannten „Risikogruppe“ gerechnet werden. Diese Jugendlichen erreichen gerade bzw. nicht einmal
Kompetenzstufe 1 - diese entspricht etwa der Lesekompetenz am Ende der Grundschule. PISA E bestätigt auch den Befund, dass in Deutschland der Abstand zwischen den leistungsschwächsten und den leistungsstärksten
15Jährigen so groß ist, wie sonst nirgends auf der Welt.Das Gefälle innerhalb Deutschlands
ist so groß, dass von gleichen Lebens- und Bildungschancen nicht mehr gesprochen werden kann. Es scheint einen klaren Zusammenhang zwischen Wirtschaftskraft und schulischer Leistungsfähigkeit bzw. Schulerfolg zu
geben. PISA E lässt auch den vorsichtigen Schluss zu, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildungsinvestitionen und Leistungsfähigkeit des Schulsystems gibt. In Bayern erhält ein Kind während seiner 9-jährigen Schulzeit
über tausend Stunden mehr Unterricht als ein Kind in Nordrhein-Westfalen - das entspricht fast einem ganzen Schuljahr. In Baden-Württemberg ist das Ergebnis von PISA E alles andere als zufriedenstellend.
Die durch PISA International festgestellten Defizite des deutschen Bildungssystems werden für alle Bundesländer bestätigt. Deshalb bleiben auch die in der Konsequenz aus PISA International formulierten Forderungen nach
Stärkung der frühkindlichen Bildung, nach längerem gemeinsamen Lernen, nach Ausbau der Ganztagesangebote, nach einer Reform des Unterrichts nach wie vor richtig.
Wenn fast alle Staaten, die bei PISA besser abschneiden als Deutschland, integrative Schulsysteme haben, dann ist es ja wohl reichlich kühn von der Überlegenheit des gegliederten Schulsystems zu reden.
Die Tatsache, dass im nationalen Vergleich Bayern und Baden-Württemberg vorne liegen, hat zumindest teilweise zu einer erheblichen Verunsicherung geführt. Betrachtet man nun das Schulsystem in Bayern, so
stellt man Folgendes fest: Bayern hat eine 4-jährige Grundschule und - so war es noch bis vor zwei Jahren, und dann wurde aus unerfindlichen Gründen die sechsjährige Realschule eingeführt - nach der 4. Grundschulklasse
wechselten lediglich etwa
25 % der Grundschulkinder aufs Gymnasium. Der Rest von 70 bis 80 % - je nach Region - blieb bis zum Ende der Klasse 6 zusammen; erst dann begann die 4-jährige Realschule, und es wechselte
ein weiterer Teil von etwa 25 % eines Jahrganges auf die Realschule.
Aufgrund der geringen Bildungsbeteiligung und der Tatsache, dass die Realschule erst ab Klasse 7 begann, lernten in Bayern mehr Kinder länger gemeinsam als in den meisten anderen Bundesländern. Die Negativeffekte
hoher Selektivität traten bzw. treten deshalb nicht so deutlich zutage wie beispielsweise in sozialdemokratisch regierten Ländern, die schon immer auf eine ziemlich hohe Bildungsbeteiligung gesetzt haben und in denen
die Übertrittsquote auf die Hauptschule vielfach deutlich unter 20 % liegt.
Zwei weitere Gründe für das relativ gute Abschneiden Bayerns und Baden-Württemberg im Ländervergleich:
Zum einen scheint es
kein Zufall zu sein, dass im Ländervergleich mit Bayern und Baden-Württemberg die zwei Länder vorne liegen, die die geringste Arbeitslosigkeit haben. Das heißt, dort, wo Jugendliche auch bei Besuch der
Hauptschule die realistische Chance auf einen Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz und damit auf eine gesicherte berufliche Perspektive haben, scheint sich das auf die Motivation und den Schulerfolg positiv auszuwirken.
Zum anderen muss auch gesagt werden, dass zum Beispiel Baden-Württemberg bereits Mitte der neunziger Jahre begonnen hat, wieder zusätzliche Stellen für Lehrerinnen und Lehrer zu schaffen. Zu einem Zeitpunkt also,
als andere Bundesländer noch munter Stellen gestrichen haben.
Unser Ziel muss in Baden-Württemberg sein, sowohl die Risikogruppe der Jugendlichen im unteren Leistungsbereich deutlich zu verkleinern, als
auch die Spitze erheblich zu verbreitern. Dabei müssen wir uns an den Ländern orientieren, die international in der Spitzengruppe liegen.
Einige der Reformvorschläge sind alte Ladenhüter, andere
ziemlich unrealistisch oder unsinnig. Wie beispielsweise soll die Pflicht zum Besuch einer Kindertageseinrichtung für 5-Jährige durchgesetzt werden, wenn wir es nicht einmal schaffen, den Besuch kostenlos zu
organisieren? Das muss mir erst einmal erklärt werden. Die einzige positive Ausnahme ist derzeit wohl das Papier des baden-württembergischen Handwerkstags. Der Vorschlag das gesamte gegliederte Schulwesen umzukrempeln
und in eine neunjährige gemeinsame Schule für alle Kinder umzubauen muss vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion durchaus als Sensation gewertet werden.
Wenn wir in die Zukunft weisende
Lösungen entwickeln wollen, müssen wir alte Denkstrukturen verlassen und neue Wege zu gehen:
Lernen findet in anderen Ländern in sehr unterschiedlichen Arrangements statt - in größeren und kleineren
Gruppen, gelegentlich auch allein, mit oder ohne Lehrerinnen und Lehrern, je nach Lerngegenstand oder besonderer Situation. Dabei steht immer das individuelle Lernen des Kindes bzw. Jugendlichen und dessen
Förderung im Mittelpunkt. Wir dagegen haben immer noch einen sehr eindimensionalen Blick auf Schule und Lernen. Schule ist dann in Ordnung, wenn der stundenplanmäßige Unterricht abgehalten wird, möglichst wenig
außerunterrichtliche Aktivitäten stattfinden und das Lernen möglichst gleichförmig organisiert wird. Sechs Stunden Schule am Vormittag bedeuten in der Regel sechs verschiedene Fächer im 45-Minuten-Takt, unterrichtet
sechs verschiedenen Lehrerinnen bzw. Lehrern („Häppchen-Pädagogik im Gleichschritt“).
Das beste Beispiel für diese überholte Sichtweise auf Schule lieferte der jüngste Bericht des Landesrechnungshofes, in
dem buchhalterisch zusammengerechnet wird, wie viele Stunden warum ausfallen. Spätestens seit PISA wissen wir, dass diese Sicht auf Schule heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht wird und mit verantwortlich ist für
die mittelmäßigen Ergebnisse. Notwendig ist vielmehr eine grundlegende Reform des Unterrichts und der Lernorganisation.
Deshalb schlagen wir der Landesregierung von Baden-Württemberg vor, gemeinsam
Modellversuche zur Erprobung neuer Arbeitszeitmodelle und zur Neubewertung der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern durchzuführen mit dem Ziel neue Formen des Lernens zu ermöglichen bzw. zu erleichtern. Grundlage
derartiger Modellversuche muss eine rechtsverbindliche Vereinbarung zwischen GEW und Landesregierung sein, in der die Rahmenbedingungen festgelegt werden.
Dafür müssen aus Sicht der GEW folgende Grundsätze gelten:
- Neue Arbeitszeitmodelle für Lehrerinnen und Lehrer müssen einerseits die Qualität der Arbeit in der Schule verbessern, andererseits aber die Arbeitsbelastung von Lehrerinnen und Lehrern senken.
- Die Modellversuche sollen ausgeschrieben werden - die Teilnahme der Schulen muss freiwillig sein. Mehrheitsbeschlüsse der schulischen Gremien sind eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme.
- Die Gesamtarbeitszeit von Lehrkräften muss sich an der für den öffentlichen Dienst geltenden Arbeitszeit orientieren.
- Die teilnehmenden Schulen erhalten sowohl fachliche Unterstützung als auch die notwendige zeitliche Entlastung um die notwendige Entwicklungs- und Innovationsarbeit leisten zu können.
- Die Modellversuche müssen wissenschaftlich begleitet und nach ihrem Abschluss evaluiert werden; eine Übertragung auf alle Schulen kann nur im Konsens erfolgen.
- Die Einzelheiten für die Modellversuche müssen zwischen Kultusministerium und GEW ausgehandelt werden.
- Alle Veränderungen haben bisher zu einer Mehrbelastung geführt. Deshalb kann eine Reform der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Beteiligten und Betroffenen
sicher sein können, dass die Bedingungen, unter denen die Reform stattfindet, gesichert und verlässlich sind.
- Eine Neubewertung der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern und die Erprobung neuer Arbeitszeitmodelle ersetzen nicht die Forderung nach höheren Investitionen in den Bildungsbereich. Beides gehört zusammen: mehr
Geld und grundlegende qualitative Reformen.
Dieses Angebot an die Landesregierung ist ein Beitrag der GEW Baden-Württemberg zu der im Juni gestarteten bundesweiten Kampagne „Rettet die Bildung“.