Stuttgart – „Es ist ein Skandal, mit welcher Leichtfertigkeit die Landesregierung ihre Wahlversprechen bricht und die Zukunftshoffnungen vieler junger qualifizierter Lehramtsstudierenden zerstört“, sagte am Freitag
(20.6.) in Stuttgart Rainer Dahlem, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Nach Einschätzung der GEW werden zum nächsten Schuljahr mindestens 300 Lehrerstellen gestrichen. „Es ist ein
fauler Trick von 1.230 zusätzlichen Lehrerstellen zu sprechen, wenn gleichzeitig die niedrigen Einstellungszahlen zeigen, dass die Deputatserhöhung an den Beruflichen Schulen und Gymnasien trotz der steigenden
Schülerzahlen für Stellenstreichungen bei freiwerdenden Stellen in allen Schularten benutzt wird. Vergessen ist das Wahlversprechen, in der laufenden Legislaturperiode alle freiwerdenden Stellen wieder zu besetzen und
5.500 zusätzliche Stellen zu schaffen“, sagte Dahlem.Trotz des großen LehrerInnenbedarfs und tausender Bewerbungen werden nur etwa ein Drittel aller BewerberInnen im Sommer 2003 eingestellt werden. Die
GEW warnt aufgrund dieser Entwicklung vor der Aufnahme eines Lehramtsstudiums. „Obwohl wir wissen, dass unsere Schulen dringend qualifizierten Nachwuchs benötigen, können wir angesichts der Personalpolitik dieser
Landesregierung leider nur vor der Aufnahme eines Lehramtsstudiums warnen. Wiederholt hat Kultusministerin Schavan Hoffnungen auf hohe Einstellungsquoten geweckt und diese dann anschließend nicht erfüllt. Die gut
ausgebildeten jungen Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich betrogen. Die Landesregierung ist nicht in der Lage, eine verlässliche mittelfristige Personalplanung für unsere Bildungseinrichtungen zu machen“, sagte Dahlem.
Ein Beispiel: Mit Note 1,6 zum Arbeitsamt
Ein Beispiel: Eine Bewerberin mit der Abschlussnote 1,6 erhält trotz landesweiter Mobilität keine Stelle angeboten. „Bei der Einstellung von
Lehrerinnen und Lehrern für die Grundschule werden Bewerberinnen und Bewerber mit der Note 3 und schlechter bevorzugt, wenn sie einen Kurs in Englisch oder Französisch absolviert haben. Es kann nicht sein, dass eine
Schmalspur-Ausbildung alleine darüber bestimmt, wer einen Job bekommt und wer nicht“, sagte Dahlem.
Fremdsprachen- statt Stütz- und Förderunterricht
Durch den Mehrbedarf für die
Einführung des Fremdsprachenunterrichts in der ersten Klasse und durch den Wegfall von Mehrarbeit im Vorgriffsstundenmodell stehen den Grund- und Hauptschulen im Schuljahr 2003/2004 rund 1.000 Stellen weniger zur
Verfügung. „Bei nahezu gleichbleibenden Schülerzahlen müssen Eltern damit rechnen, dass im neuen Schuljahr noch weniger Stütz- und Förderunterricht für ihre Kinder angeboten wird. Angesichts der Ergebnisse der
Schulleistungstests PISA und IGLU sind diese Einstellungszahlen ein Beweis für eine völlig verfehlte Bildungspolitik“, so Dahlem.
Klassenstärken steigen – Arbeitsgemeinschaften werden gestrichen
In den Gymnasien rechnet die GEW mit einer weiteren Zunahme der Klassenstärken. „Im laufenden Schuljahr besuchen etwa 300.000 Kinder und Jugendliche Gymnasien und die Zahlen werden in den nächsten Jahren
weiter steigen. Die Gymnasien und auch die Beruflichen Schulen bräuchten deutlich mehr Lehrerinnen und Lehrer. Die Klassen werden im nächsten Schuljahr erneut größer werden und im Ergänzungsbereich werden viele
Arbeitsgemeinschaften nicht mehr stattfinden können“, prognostizierte Dahlem.
Keine Unterstützung mehr für Schavanismus
Die GEW rechnet damit, dass nach der Besoldungskürzung und der
gleichzeitigen Arbeitszeiterhöhung mit den jetzt bekannt gewordenen Einstellungszahlen die Unterstützung für Schavans Bildungspolitik weiter sinken wird. „Die Landesregierung demotiviert die Lehrerinnen und Lehrer,
indem sie den Älteren die Altersermäßigung streicht und die Deputate für alle Lehrerinnen und Lehrer an Gymnasien und Beruflichen Schulen erhöht. Diese müssen gleichzeitig fassungslos zur Kenntnis nehmen, dass ihre
Mehrbelastung von der Landesregierung benutzt wird, um die Stellen für qualifizierte und motivierte Referendarinnen und Referendare zu streichen und deren Einstellung überflüssig zu machen“, sagte Dahlem.